Warum wir den Klimawandel verstehen – und trotzdem zu wenig dagegen tun

Obwohl das Pariser Abkommen den Klimawandel als globales Problem anerkennt, reichen die bisherigen nationalen Maßnahmen nicht aus, um die 1,5-Grad-Grenze ohne erhebliche Überschreitung einzuhalten. Ein zentraler Grund liegt in der Anreizstruktur: Klimaschutz erzeugt globalen Nutzen, verursacht aber nationale Kosten. Genau daraus entsteht ein Trittbrettfahrerproblem.

Es wird momentan insgesamt zu wenig gegen den Klimawandel unternommen. Obwohl der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung darstellt und erhebliche ökonomische Schäden nach sich ziehen wird. Der Climate Action Tracker sieht die aktuellen Politiken eher auf einem 2,6-Grad-Pfad. 1 Climate Action Tracker: Global emissions pathways and current policy projections – Einordnung der aktuellen Klimapolitiken auf einen Erwärmungspfad von rund 2,6 °C. Verfügbar (https://climateactiontracker.org/global/emissions-pathways/)

Es gibt kein Erkenntnisproblem. Auch die Saudis kennen das Problem. Warum aber setzen nicht alle alles an eine Lösung? Warum versuchen manche Akteure, so wenig wie möglich zu investieren – oder erhöhen zum Teil sogar weiter den Verbrauch fossiler Brennstoffe?

Im Pariser Klimaabkommen aus dem Jahr 2015 haben 194 Staaten das Problem eindeutig anerkannt und sich völkerrechtlich verbindlich darauf geeinigt, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad Celsius zu halten und Anstrengungen zu unternehmen, sie auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das Problem: Der 1,5-Grad-Pfad ist mit heutigen Politiken und Zusagen sehr wahrscheinlich nicht mehr erreichbar bzw. nur noch mit erheblichem Overshoot. UNEP schreibt, eine Rückkehr zu 1,5 °C bis 2100 sei noch theoretisch denkbar, aber „extremely challenging“; aktuelle Politiken liegen eher in Richtung deutlich über 2 °C. 2 United Nations Environment Programme (UNEP): Emissions Gap Report 2025 – Analyse der globalen Emissionslücke und Bewertung der Wahrscheinlichkeit, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, (https://www.unep.org/resources/emissions-gap-report-2025) . Jedes Zehntelgrad mehr erhöht Risiken, Schäden und Anpassungskosten; zugleich zählt jede vermiedene Erwärmung.

Wenn alle Nationen des Pariser Klimaabkommens hinreichende Anstrengungen unternommen hätten und weiterhin unternehmen würden, könnten die schlimmsten Risiken deutlich begrenzt werden. Dass das nicht geschieht, sondern die globale Gemeinschaft sehenden Auges auf eine Katastrophe zusteuert, ist allerdings nicht mit einer Art nationalem Suizidvorhaben zu erklären. Auch nicht mit Gesellschaften, die ihre Kinder verachten und dem Untergang preisgeben möchten. Der Grund findet sich vielmehr in einem altbekannten spieltheoretischen Dilemma, das Ökonomen längst bestens bekannt ist: dem Trittbrettfahrerproblem.

Das Dilemma der Trittbrettfahrerproblematik ist theoretisch leicht zu begreifen; seine praktische Auflösung in der politischen Realität allerdings nicht. Der Kern liegt in fehlgelagerten Anreizen. Akteure möchten zwar von einem öffentlichen Gut profitieren, zugleich erscheint es ihnen individuell vernünftig, sich nicht oder nur möglichst wenig an den dafür anfallenden Kosten zu beteiligen. Und dieses Phänomen lässt sich nicht nur jedes Jahr aufs Neue auf der jeweiligen Weltklimakonferenz beobachten, sondern zeigt sich auch in vielen nationalen Klimaanstrengungen. Nicht wenige Länder zeigen in ihrer Klimapolitik genau diese Verhaltenstendenz: Sie möchten von globalem Klimaschutz profitieren – nahezu alle Staaten haben den Klimawandel im Rahmen des Pariser Abkommens als gemeinsames Problem anerkannt –, wollen sich aber selbst nur begrenzt an den Kosten beteiligen.

Schlimmer noch: In vielen Ländern stieg die fossile Energienachfrage sogar weiter an. Der Global Carbon Budget 2024 schätzte die fossilen CO2-Emissionen 2024 auf 37,4 Mrd. Tonnen – erneut ein Rekordniveau. 3 Global Carbon Project: Global Carbon Budget 2024 – Schätzung der weltweiten CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen (2024: ca. 37,4 Mrd. Tonnen, Rekordniveau), (https://globalcarbonbudget.org/fossil-fuel-co2-emissions-increase-again-in-2024/)

In der Gesamtschau besteht nun das Risiko, dass der Mechanismus des Freerider-Problems – wie man das Trittbrettfahrerdilemma auch nennt – nicht nur einzelne Klimasünder hervorbringt. Es besteht vielmehr die ungünstige Gefahr, dass globale Klimabemühungen mittelfristig insgesamt so weit zum Erliegen kommen, dass die Katastrophe kaum noch gebremst wird.

Der Grund für diese reale Gefahr liegt in der Reaktion jener Akteure, die zunächst bereit waren, sich angemessen an den Kosten zu beteiligen, deren Bereitschaft aber mit der Zeit schwindet.

So setzen etwa europäische Gesellschaften, die sich stark in der Reduktion von CO2-Emissionen engagieren – etwa durch den europäischen Emissionszertifikatehandel (ETS) –, ihre Unternehmen im Grundsatz einem höheren Kosten- und Anpassungsdruck aus. Gehen andere Nationen diesen Schritt nicht mit, können europäische Volkswirtschaften Wettbewerbsnachteile erleiden. Sie zahlen dann nicht nur die Zeche, sondern tragen weitere Kosten, während weniger engagierte Nationen in verschiedenen Branchen kostengünstiger produzieren, Marktanteile gewinnen und zugleich von den Klimaanstrengungen anderer profitieren.

Vielleicht könnte diese Überlegung auch einen Teil der Erklärung für die politische Gegenbewegung liefern, konkret für das Erstarken der radikalen Rechten. Die Frage, weshalb ausgerechnet die eigene Nation nun so viel leisten solle, während andere die Umwelt hemmungslos verpesteten, höre ich in meiner Alltagserfahrung jedenfalls immer lauter.

Wie bereits gesagt: Theoretisch ist das nicht schwer zu begreifen. Doch was kann politisch nun unternommen werden?

Das Pariser Klimaabkommen hat ein gemeinsames Ziel formuliert, auf das sich 194 Staaten geeinigt haben. Darunter etwa die ölfördernden arabischen Staaten oder große produzierende Volkswirtschaften wie die USA, Indien oder eben die Europäische Union. Doch es mangelt an der Umsetzung. Es gibt keine vereinbarten Folgen für Klimasünder. Ohne solche Folgen dürfte es auch auf absehbare Zeit in vielen Fällen bei Lippenbekenntnissen bleiben.

Vielleicht müssen führende Nationen ihre Führungsrolle neu definieren. Vielleicht reicht es nicht mehr, nur selbst als Role Model zu dienen und mit moralischer Überlegenheit den Rest des Globus hinter sich scharen zu wollen. Vielleicht müssen Gedanken bezüglich einer beherzteren und zielgerichteteren europäischen Handelspolitik gedacht werden.

References

  • 1
    Climate Action Tracker: Global emissions pathways and current policy projections – Einordnung der aktuellen Klimapolitiken auf einen Erwärmungspfad von rund 2,6 °C. Verfügbar (https://climateactiontracker.org/global/emissions-pathways/)
  • 2
    United Nations Environment Programme (UNEP): Emissions Gap Report 2025 – Analyse der globalen Emissionslücke und Bewertung der Wahrscheinlichkeit, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, (https://www.unep.org/resources/emissions-gap-report-2025)
  • 3
    Global Carbon Project: Global Carbon Budget 2024 – Schätzung der weltweiten CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen (2024: ca. 37,4 Mrd. Tonnen, Rekordniveau), (https://globalcarbonbudget.org/fossil-fuel-co2-emissions-increase-again-in-2024/)