Die deutsche Volkswirtschaft gilt als leistungsfähig, innovativ und exportstark. Weniger sichtbar ist ihre Abhängigkeit von Energieimporten. Dabei zeigt gerade die Geschichte der letzten Jahre, dass Energie nicht nur ein Produktionsfaktor, sondern auch eine Frage strategischer Handlungsfähigkeit ist. Wer verstehen will, wie verletzlich moderne Industriegesellschaften sein können, sollte daher zunächst auf ihre Energieversorgung blicken.
In wirtschaftspolitischen Debatten geht es häufig um Geld: um Steuern, Schulden, Investitionen oder Wachstum. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass Geld keine Fabrik antreibt, keine Wohnung heizt und keinen Güterzug bewegt. Am Ende des Tages hat eine Volkswirtschaft die Aufgabe, Güter und Dienstleistungen für die Menschen einer Gesellschaft bereitzustellen. Dafür benötigt sie Arbeitskräfte, Kapital, Wissen und Rohstoffe. Eine Ressource nimmt dabei jedoch eine Sonderstellung ein: Energie.
Energie als Grundlage moderner Gesellschaften
Ohne Energie kommt die moderne Gesellschaft innerhalb kürzester Zeit ins Stocken. Lebensmittelproduktion, Verkehr, Logistik, Gesundheitswesen, Kommunikation, Industrieproduktion, Heizung und Kühlung – all diese Systeme setzen eine kontinuierliche Energieversorgung voraus. Energie ist daher nicht einfach ein weiterer Produktionsfaktor neben vielen anderen. Sie bildet die Grundlage, auf der die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten überhaupt erst möglich werden.
Umso bemerkenswerter ist die Situation Deutschlands. Als hochentwickelte Industrienation verfügt das Land nur über vergleichsweise begrenzte eigene Energieressourcen. Die deutsche Wirtschaft gehört zu den größten und produktivsten der Welt. Gleichzeitig hängt sie in erheblichem Umfang von Energieimporten ab.
Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen mussten im Jahr 2024 rund 68 Prozent der in Deutschland eingesetzten Primärenergie aus dem Ausland bezogen werden. Bei einzelnen Energieträgern fällt die Abhängigkeit noch deutlich höher aus: Mineralöl wird zu etwa 98 Prozent importiert, Erdgas zu rund 95 Prozent und Steinkohle vollständig.1AGEB (2025): Importabhängigkeit der deutschen Energieversorgung 2024.
Abbildung 1: Importquoten ausgewählter Energieträger in Deutschland 2024. Quelle: AGEB (2025).
Grundsätzlich ist daran nichts Ungewöhnliches. Moderne Volkswirtschaften beruhen auf internationalem Handel. Kaum ein Land verfügt über sämtliche Rohstoffe, die es benötigt. Problematisch wird eine solche Abhängigkeit jedoch dann, wenn Lieferungen ausfallen oder politisch instrumentalisiert werden.
Die Verwundbarkeit einer Industrienation
Die Geschichte liefert hierfür einige eindrucksvolle Beispiele. Das arabische Ölembargo von 1973 machte den westlichen Industriestaaten ihre Verwundbarkeit schlagartig bewusst. Die iranische Revolution wenige Jahre später löste erneut erhebliche Turbulenzen auf den Energiemärkten aus. Besonders präsent dürfte vielen Deutschen jedoch die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sein. Innerhalb kurzer Zeit wurde deutlich, wie stark Deutschland von russischen Gaslieferungen abhängig geworden war und welche wirtschaftlichen und politischen Folgen eine solche Konzentration auf wenige Lieferanten haben kann.
Rückblickend irritiert mich dabei weniger, dass Russland Energie als geopolitisches Machtinstrument eingesetzt hat. Staaten verfolgen Interessen; das ist weder überraschend noch neu. Erstaunlicher erscheint mir, wie selbstverständlich Deutschland über Jahrzehnte davon ausging, dass diese Abhängigkeit dauerhaft unproblematisch bleiben würde. Die Vorstellung, wirtschaftliche Verflechtung werde politische Konflikte dauerhaft entschärfen, hat sich zumindest in diesem Fall als deutlich optimistischer erwiesen als erhofft.
Die deutsche Politik hat auf diese Erfahrung schnell reagiert. Russische Energielieferungen spielen heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen wurden die Bezugsquellen diversifiziert. Wichtige Lieferländer sind inzwischen unter anderem Norwegen, die Niederlande, die USA, Kasachstan und Libyen. Das war ein wichtiger Schritt. Das grundlegende Problem wurde dadurch allerdings nicht gelöst. Die Abhängigkeit besteht fort – sie hat lediglich ihre geografische Form verändert.2 KfW Research (2025): Fossile Energieimporte Deutschlands nach der Energiekrise. Volkswirtschaft Kompakt Nr. 251.
Neue Energie, neue Abhängigkeiten?
Hier kommt die Energiewende ins Spiel. Wind- und Solarenergie besitzen einen offensichtlichen Vorteil: Sie werden im Inland erzeugt. Jede zusätzlich erzeugte Kilowattstunde aus heimischen Quellen reduziert die Notwendigkeit, fossile Energieträger aus dem Ausland zu importieren. Die Energiewende ist deshalb nicht nur klima- und umweltpolitisch relevant. Sie besitzt auch eine strategische Dimension.
Allerdings verschwinden Abhängigkeiten nicht einfach. Sie verändern sich. Windkraftanlagen, Stromnetze, Batteriespeicher und Elektrofahrzeuge benötigen große Mengen an Kupfer, Lithium, Nickel oder Seltenen Erden. Viele dieser Rohstoffe stammen wiederum aus einer begrenzten Zahl von Förderländern. Manche von ihnen sind politisch instabil, andere verfolgen Interessen, die nicht immer mit denen Europas übereinstimmen.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht nur darin, ausreichend Energie bereitzustellen. Es geht ebenso darum, die mit unserer Energieversorgung verbundenen Abhängigkeiten zu verstehen und möglichst resilient zu gestalten. Für eine exportorientierte Industrienation wie Deutschland ist dies nicht bloß eine wirtschaftliche Frage. Es ist eine Frage strategischer Handlungsfähigkeit.
Wer über Wirtschaft spricht, sollte deshalb nicht nur über Geld nachdenken. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, womit wir eigentlich wirtschaften. Die Antwort lautet letztlich: mit Energie – und mit den Rohstoffen, die sie verfügbar machen.
References
- 1AGEB (2025): Importabhängigkeit der deutschen Energieversorgung 2024.
- 2KfW Research (2025): Fossile Energieimporte Deutschlands nach der Energiekrise. Volkswirtschaft Kompakt Nr. 251.