Die Weltwirtschaft ist robuster, als sie aussieht – und zugleich viel fragiler

Die Globalisierung gilt als erstaunlich widerstandsfähig. Lieferketten passen sich an, Handelsströme weichen aus, Märkte reagieren schnell. Selbst größere Störungen führen selten zu einem echten Zusammenbruch.

Und doch hängt ein erheblicher Teil dieser scheinbaren Stabilität an wenigen Orten.

Die Straße von Malakka ist einer davon. Eine schmale Passage, durch die sich ein großer Teil des Handels zwischen dem Nahen Osten, Europa und Ostasien bewegt. Alles, was die industrielle Welt am Laufen hält – darunter rund ein Viertel des weltweiten Öl-Seehandels (zirka 16 Mio. Barrel pro Tag) -, wird hier auf wenige Kilometer zusammengedrückt. Speziell für den Öl-Handel rangiert die Straße von Malakka damit vor der momentan so sehr in den Fokus geratenen Straße von Hormus.1U.S. Energy Information Administration (2023): World Oil Transit Chokepoints, (https://www.eia.gov/international/analysis/special-topics/World_Oil_Transit_Chokepoints)

Solange diese Punkte funktionieren, fällt das kaum auf. Es gibt keine Engpässe, keine sichtbaren Spannungen. Die Straße von Hormus bildet eine Ausnahme, weil sich dort politische Konflikte offen zeigen. Die meisten anderen Engstellen bleiben unscheinbar.

Das ist kein Zufall, sondern Teil der Logik. Effizienz entsteht, wenn Wege kurz, gebündelt und kostengünstig sind. Resilienz entsteht, wenn es Alternativen gibt. Beides gleichzeitig ist schwer zu erreichen. Und zwischen diesem Trade-off muss Volkswirtschaften sich entscheiden.

Für Europa wirkt die Straße von Malakka zunächst irrelevant. Die eigenen Energieimporte verlaufen über andere Routen. Aber Preise kennen keine Geographie. Wenn sich der Fluss an einer zentralen Stelle verengt, verschiebt sich die globale Nachfrage nach verfügbaren Mengen. Wer stärker betroffen ist, zahlt mehr – und alle anderen zahlen mit.

Die eigentliche Verwundbarkeit liegt also nicht nur in der Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten. Sie liegt in der Struktur der Verbindungen selbst. Vielleicht erklärt das auch, warum geopolitische Spannungen zunehmend entlang von Handelsrouten gedacht werden. Die Kontrolle über Territorium verliert an Bedeutung gegenüber der Kontrolle über Verbindungen.

Die Straße von Malakka ist kein Krisenherd. Aber sie ist ein Ort, an dem sichtbar wird, wie die Weltwirtschaft tatsächlich organisiert ist: nicht als flächendeckendes Netz, sondern als System weniger, kritischer Übergänge. Und genau das macht sie zugleich stabil – und angreifbar.

Die eigentliche Frage ist damit nicht, ob die Weltwirtschaft verwundbar ist. Das ist sie. Entscheidend ist, wo diese Verwundbarkeit liegt – und wie sie sich verändert. Die Energiewende wird diese Struktur nicht auflösen. Sie wird sie verschieben. Abhängigkeiten von Öltransporten könnten abnehmen – neue Abhängigkeiten von Rohstoffen, Infrastruktur und anderen Routen entstehen. Die Weltwirtschaft wird damit nicht weniger anfällig. Nur anders.

 

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